Tarifinfo Entlastung Nr. 8

Arbeitgeber bieten insgesamt nur 100 Stellen: Warnstreiks in TÜ und FR

08.12.2017

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
gestern ging die erste Verhandlungsrunde zwischen ver.di und dem Arbeitgeberverband Uniklinika Baden-Württemberg ohne Ergebnis zu Ende.

Hier der Bericht zum Verhandlungsverlauf. Bitte nehmt euch die Zeit, ihn ganz zu lesen:

Wir haben zu Beginn der Verhandlung unsere Forderungen eingebracht: ein Tarifvertrag zu bereichsbezogenen Mindestbesetzungen und zu Maßnahmen und Konsequenzen bei Unterschreitung der Mindestbesetzung. Wir haben die Arbeitgeber aufgefordert, uns eine Verhandlungszusage dazu zu machen.

Die Arbeitgeber haben im Gegenzug einen „Pflegestärkungsvertrag“ angeboten mit folgenden Regelungen:

1. Belastungserfassung und Managementkon-zept bei Ausfällen
Tabelle zu Belastungsindikatoren und Maßnahmen (gibt es bei den ver.di-Vertrauensleuten und den Teamdelegierten/Tarifberater*innen),
Flexibilität fördern z.B. Stand By Dienste,
schnelle Nachbesetzung von Stellen.
2. Managementsystem Pausen
verbindliche Regelungen zur Sicherstellung der Pausen, Staffelung der Pausenzeiten, Ablösungskonzepte,
längerer Pausenkorridor, Pausen außerhalb der Station, getrennte Pausen.
3. Personalaufbau Pool/bereichsübergreifende Dienste
zur kurz- und mittelfristigen Personalentlastung,
4. Dienstplanverlässlichkeit, Drei-Monats-Dienstplan.
5. Einhaltung Ruhezeiten.
6. Qualifizierung pflegeunterstützender Berufsgruppen
Personalentwicklungsmaßnahmen (auch ausländische Pflegekräfte).
7. Betriebliches Gesundheitsmanagement.
8. Klärung der hiermit verbundenen Finanzierungsfragen.

Auf Nachfrage wurden uns für den Personalaufbau ganze 100 zusätzliche Stellen für alle vier Standorte angeboten, für die Bildung von Pools und für mehr Personal in den von den Arbeitgebern so genannten „Hot-Spots“ (hochbelastete Bereiche). Daraus ergeben sich im Schnitt 25 Pflegestellen mehr pro Klinikum.
Wir sind verwundert, dass ausgerechnet in den Unikliniken der Glaube an die heilsame Wirkung der Homöopathie so stark verbreitet ist. Für Tübingen z.B. mit 96 Stationen und zahlreichen OPs und Funktionsdiensten bedeutet dies einen Personalzuwachs von weniger als 0,3 Stellen/Abteilung im Durchschnitt, ganz abgesehen davon, dass ein Teil der Stellen in Pools laufen soll. Bei diesen geringen Erhöhungen hofft die Arbeitgeberseite wohl auf Placebo Effekte zur Verminderung der Überlastungssituation. An den realen Verhältnissen ändert dieses Zugeständnis jedenfalls nahezu nichts.

Das Problem ist,
– dass die AG glauben, mit diesen Maßnahmen und den 100 Stellen Entlastung schaffen zu können
– und wir der Überzeugung sind, dass zuerst Mindestbesetzungen vereinbart werden müssen. Zum einen um festzustellen, wo wieviel zusätzliches Personal hin muss. Wir erwarten, dass deutlich mehr als 100 zusätzliche Stellen benötigt werden. Zum anderen brauchen wir die Mindestbesetzungen als objektiven Gradmesser dafür, ab wann Maßnahmen einzuleiten sind, nämlich immer dann wenn diese Mindestbesetzung unterschritten sind.

Interessant: Die Angebote der Arbeitgeber sind zum Teil ganz eindeutige Hinweise dafür, dass zu wenig Personal da ist. Bräuchte es sonst Regelungen zur Sicherstellung der gesetzlich vorgeschriebenen (!) Pausen, der Ruhezeiten oder für die Dienstplanverlässlichkeit?

Spannend: Trotz dieser Hinweise hat sich in der zum Teil hitzigen Debatte gezeigt, dass die Arbeitgeber die dramatische Arbeitssituation der Beschäftigten in der Pflege nicht sehen (wollen oder können). Sie sehen nur einige wenige Hotspots, wo man etwas tun müsse. Die angebotenen Maßnahmen verharmlosen die Lage.
Wie geht es weiter:
Nach der letzten Verhandlungsunterbrechung haben die Arbeitgeber uns mitgeteilt, dass sie zu unseren Forderungen nach Mindestbesetzungen nicht grundsätzlich Nein sagen, dazu ihrerseits aber noch beraten wollen. Eine Entscheidung würden sie uns beim nächsten Verhandlungstermin am 18.12. mitteilen. Das ist für uns eine weitere Verzögerung der Verhandlungen.

Wir wollen ihnen helfen, sich richtig zu entscheiden.

Wir werden nun den Druck, der täglich auf Euch lastet, an sie weitergeben und wissen dabei die Patientinnen und Patienten an unserer Seite. Zunächst werden die Beschäftigten an den Standorten Tübingen und Freiburg zum Warnstreik aufgerufen.

So wie jetzt, kann es nicht mehr weitergehen!

Wir fordern:
– Schluss mit homöopathischen Experimenten zur Behandlung unserer prekären Arbeitssituation.
Wir brauchen:
– tariflich geregelte Mindestbesetzungen und eine Personalausstattung, die diese gewährleistet
– tariflich geregelte Maßnahmen für den Fall, dass Mindestbesetzungen unterschritten werden.

KURZ-INFOS für die UNIKLINIK FREIBURG
Bitte beachtet die Warnstreikaufrufe mit dem Ablaufplan für den 14.12.2017 in Freiburg:

  • Streikende treffen sich ab 7.00h im Streiklokal Barbarastrasse 18.
  • Demo um 14.30h ab Torbogen.
  • Abschlusskundgebung um ca. 16.00h auf dem Platz der alten Synagoge.

Eure ver.di-Verhandlungskommission.

ViSdP: Irene Gölz, ver.di Baden-Württemberg, Fachbereich 3, Theodor-Heuss-Str. 2/1, 790174 Stuttgart